"Schluss mit der Ärzteschelte!" von Dr. Marianne Koch

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" Das Gesundheitssystem hat sich zu einem ungerechten, bürokratischen und patientenfeindlichen Monster entwickelt"

Es reicht. Ich werde nicht mehr schweigend hinnehmen, was in den vergangenen Wochen in aufgeheizten Talkrunden, in Kommentaren und Kolumnen über die Arzte und ihre Probleme gesagt und geschrieben wurde: Ärzte seien geldgierig, sie bekämen den Hals nicht voll, das Gejammer über ihre Vergütungen sei lächerlich, „erstklassig kassieren, zweitklassig kurieren" - und was es sonst noch an üblen Beschimpfungen gab.

Was war geschehen? Im Januar war wieder einmal eine neue Honorarreform in Kraft getreten, ausgeheckt ausgerechnet von den eigenen Funktionären und den Kassen - ein Vergütungsschema, das als „gerechter und transparenter" gepriesen und angeblich obendrein mit einem höheren Etat ausgestattet wurde.

Als schließlich die Details bekannt wurden, trauten besonders die Fachärzte ihren Augen nicht.

Hier nur eines von vielen Beispielen. Ein Rheumatologe befragt und untersucht einen neuen Patienten, er führt einen Ultraschall der Gelenke sowie ein EKG durch, veranlasst eine Laboranalyse, er berät und behandelt.

Dafür standen ihm im vorigen Jahr noch etwa 100 Euro zur Verfügung - wohlgemerkt für das ganze Quartal.

Wenig genug.

Für die gleichen Leistungen gibt es nach der Reform gerade noch 39 Euro!

Ähnliches widerfährt Frauenärzten, Hals-Nasen-Ohren-Ärzten, Psychiatern, Chirurgen und vielen anderen, die sich in zehn langen Jahren der Ausbildung ihre Spezialkenntnisse aneigneten. Sie haben sich für ihre Praxis Einrichtung samt teuren Geräten verschuldet, müssen ihre Helferinnen bezahlen und können mit den neuen Honorarsätzen weder ihre Praxis halten noch ihre Familie ernähren. Und dass sich bereits unsere Studenten nach Stellungen im Ausland umsehen, überrascht auch nicht.

Unser einst fabelhaftes Gesundheitssystem ist kaputtreformiert worden. Es hat sich zu einem ungerechten, bürokratischen und patientenfeindlichen Monster entwickelt. Deshalb die traurige Fünf-Minuten-Medizin und deshalb der ganze Frust.

Ich denke, keine meiner Kolleginnen und kein Kollege hat das lange Studium begonnen, nur um reich zu werden.

Dafür sind die körperlichen und seelischen Belastungen des Berufs viel zu hart. Sicher gibt es unter ihnen auch einige Ausnahmen, die sich lieber auf dem Golfplatz als in der Kassenpraxis aufhalten. Den allermeisten aber geht es um ihre Patienten und um die Möglichkeit, diese auch in schwierigen Zeiten gut und nach den modernsten Standards zu behandeln. Das können sie aber nicht, wenn ihnen die finanzielle Basis dafür genommen wird.

Umso mehr sollte man ihre Proteste ernst nehmen und sie nicht als „Dr. Maßlos" und als gierige Abzocker diskriminieren. Die Politik aber muss endlich darüber nachdenken, ob wir nicht ein völlig anderes, menschenfreundlicheres Gesundheitssystem brauchen.

Quelle: Ärztlicher Nachrichtendienst

als Gastkolumne in der "Apotheken Umschau" vom 15.April 2009 B:

Untertitel: " Das Gesundheitssystem hat sich zu einem ungerechten, bürokratischen und patientenfeindlichen Monster entwickelt"