Honorarreform - Zwei Drittel der bayerischen Urologen verlieren
Dienstag, den 28. Juli 2009 um 00:00 Uhr
Presseerklärung des Aktionsbündnis Urologie - Dachverband der bayerischen Urologen e.V. vom 27. Juli 2009:
Am 22. Juli 2009 hat die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) erste Zahlen zur Abrechnung für das 1. Quartal 2009 veröffentlicht. Medienwirksam wurde verkündet, das Schreckensszenario der Ärzte habe sich in Luft aufgelöst. Es gäbe in Bayern durch die Honorarreform mehr Gewinner als Verlierer. 25% Honorarzuwachs bei den Chefärzten der Krankenhäuser, die an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmen, sei ein großer Erfolg. Eine Begrenzung der Verluste auf maximal 5% habe gefährdete Praxen gerettet.
Erst einen Tag später - am 23.7.09 - wurden dann die betroffenen Ärzte in Bayern per Fax über die tatsächliche Situation informiert. Danach haben fast zwei Drittel der Urologen in Bayern (239 von 380) teils herbe Verluste im Vergleich zum 1. Quartal 2008 hinzunehmen und das, obwohl durchschnittlich 3,3% mehr Patienten als im Vorjahresquartal behandelt wurden. Die Vergütung pro Patient, der sog. Fallwert, ist also bei fast allen Urologen gesunken. Belegärztlich tätige Urologen verlieren durchschnittlich 14,3%.
Die Verluste dürften in Wirklichkeit noch höher ausfallen, als es die jetzt veröffentlichte Statistik ausweist. Denn die KV-Umsätze werden geschönt, indem die Erstattung von Sachkosten z.B. für urologische Katheter und Röntgenkontrastmittel als Honorar ausgewiesen wird. In Bayern müssen Sachkosten von den Ärzten vorfinanziert werden. Statt diese Vorleistung und den bürokratischen Aufwand in den Praxen zu vergüten, wird im Gegenteil bei der Erstattung durch die KV noch eine Verwaltungsgebühr erhoben. Faktisch subventionieren die Ärzte in Bayern also die Sachkosten, die bei Urologen teils deutlich über 10.000 Euro pro Quartal ausmachen können, mit ca. 3% aus ihrem Honorar.
Die Begrenzung der Honorarverluste auf 5% ist eine Absichtserklärung, die noch verhandelt werden soll. Die Kosten dafür sollen überwiegend die Ärzte selbst finanzieren. Etwaige Restzahlungen werden frühestens im September ausbezahlt, endgültige Abrechnungsunterlagen sind erst nach der Bundestagswahl zu erwarten.
Das Aktionsbündnis Urologie (ABU) betrachtet diese Vorgänge als Skandal.
Nach den Vorgaben des Sozialgesetzbuches V ist die Kassenärztliche Vereinigung zwar keine Interessensvertretung der Ärzte, soll allerdings als Körperschaft die Rechte der Vertragsärzte wahren.
Dagegen wird offensichtlich verstoßen.
Im September 2008 hatte Gesundheitsministerin Ulla Schmidt ein Ende der Budgetierung, eine betriebswirtschaftlich kalkulierte Euro-Gebührenordnung und den Übergang des Morbiditätsrisikos auf die Krankenkassen versprochen. Stattdessen wissen die Vertragsärzte selbst nach 9 Monaten nicht, wie viel sie für ihre im Januar erbrachten Leistungen erhalten. Die KVB verkauft die vage Hoffnung auf eine Begrenzung der Verluste auf 5% als Erfolg und wird - rechtzeitig vor der Bundestagswahl - zum willfährigen Handlanger der verfehlten Gesundheitspolitik der Großen Koalition.
Verschwiegen wird, dass die sog. "Konvergenzphase", in der die Honorarverluste begrenzt werden können, 2010 endet. Einerseits wird der Öffentlichkeit auf Zehntel Prozent genaues Zahlenmaterial präsentiert, andererseits sieht sich die KVB aber außerstande, vor den Wahlen rechtskräftige Honorarbescheide auszuliefern. Statt die katastrophalen Verhältnisse anzuprangern, werden von der KVB die Ergebnisse der Gesundheitsreform schöngeredet.
Gesundheitsministerin UllaSchmidt und ihr Berater Karl Lauterbach (SPD) wollen erklärtermaßen die medizinische Versorgung in die Hände profitorientierter Manager legen. Monatelange Anstrengungen der Ärzte, die Bevölkerung über die geplante Vernichtung der freiberuflichen Praxen aufzuklären, werden durch das Verhalten der KVB untergraben.
Das Aktionsbündnis Urologie hatte sich am 8.5.09 als Dachverband der bayerischen Urologen gegründet und vertritt inzwischen bereits über 75% aller urologischen Vertragsärzte in Bayern. Als Konsequenz auf die existenzbedrohenden Honorarverluste verstärkt das ABU jetzt seine Anstrengungen zum Ausstieg aus dem KV-System.
"Opfer der momentanen Gesundheitspolitik sind in erster Linie die Patienten." sagt der Vorsitzende des ABU, Thomas Böhm aus Hof: "Für das 3.Quartal 2009 wurde das Regelleistungsvolumen für uns Urologen auf 24,78 Euro weiter abgesenkt. Es stehen also monatlich 8,26 Euro pro Patient zur Verfügung, um alle Standardleistungen des Fachgebietes, einschließlich Ultraschalluntersuchungen, Blasenspiegelungen, Biopsien bei Krebsverdacht usw. abzudecken. Eine leitliniengerechte Versorgung der Patienten ist damit definitiv nicht zu leisten. Wir werden zwar auch direkte Gespräche mit den Krankenkassen führen, um die Möglichkeit von Selektivverträgen zu prüfen, die ABU-Mitglieder favorisieren allerdings mehrheitlich den kollektiven Verzicht auf die Kassenzulassung. Damit kann ein transparentes Kostenerstattungssystem erreicht werden, wie es sich in Frankreich bewährt hat. Wir Urologen in Bayern wollen nicht mehr die staatlich verordnete Rationierung umsetzen, sondern unsere Kassenpatienten optimal versorgen."
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