Renate Hartwig: «Patienten werden bewusst getäuscht»

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RÖTHENBACH (jz) - Am Ende eines eindrucksvollen Vortrags am Mittwochabend in der Röthenbacher Karl-Diehl-Halle wären die meisten der 500 Besucher wohl spontan bereit gewesen, sofort gegen die aktuelle Gesundheitspolitik der Bundesregierung auf die Straße zu gehen. Zu Gast war Renate Hartwig, die bekannte Kritikerin der Gesundheitsreform und Bestsellerautorin des Buchs «Der verkaufte Patient».


«Mafiose Strukturen» bei den Kassenärztlichen Vereinigungen, «gezielte Manipulation» über die Medien, «menschenverachtende Zustände» in der Palliativmedizin, «Volksverdummung»: Renate Hartwig nimmt bei ihrer Abrechnung mit der Gesundheitsreform aus dem Hause Ulla Schmidt kein Blatt vor den Mund. In Röthenbach rannte die Journalistin und Publizistin damit offene Türen ein. Rufe wie «Betrug» oder «Erpressung» aus dem Publikum waren keine Seltenheit am Mittwochabend.  

«Die Behandlungzeit für diesen Patienten ist abgelaufen.» Diese Worte auf dem Computerbildschirm ihres Hausarztes waren es, die Hartwig stutzig machten. So stutzig, dass sie sich einmal genauer umsah im deutschen Gesundheitswesen. Sie lud ihren Arzt zu sich nach Hause ein und hörte sich seine Geschichte an. Das war im Januar 2007. 

«Ich hab das einfach nicht geglaubt, was der erzählte», sagt sie heute. Sie begann, Fragen zu stellen – und stieß auf Wände. Doch mit einer Hartnäckigkeit, die man der 61-jährigen, resoluten Schwäbin sofort zutraut, durchbrach sie einige dieser Wände.

Ihre Kritik richtet sich gegen die Reformen in der Gesundheitspolitik, die, wie sie sagt, das Gesundheitswesen am Profit orientieren will – nach amerikanischem Vorbild. Freie Arztwahl, wohnortnahe medizinische Versorgung oder freiberuflich tätige Ärzte seien dann Geschichte. Zugunsten der geplanten Medizinischen Versorgungszentren würden niedergelassene Haus- und Fachärzte geradezu ausgehungert.  

«Ein Hausarzt bekam pro Quartal und behandeltem Patient im zweiten Quartal 2009 41,53 Euro – egal welche Krankheit, egal, wie oft der Patient behandelt werden musste. Das kann doch nicht funktionieren», sagt Hartwig. Die zahlreich erschienenen Mediziner – darunter die Vertreter des Gesundheitsnetzes Nürnberger Land, das Hartwig eingeladen hatte – nicken, einhellig frustriert.

«Wir Bürger und Patienten sitzen hier einer gezielten Desinformation auf – selbst die Journalisten blicken entweder nicht durch oder dürfen nicht ehrlich sein», ist sich Hartwig sicher. «Während unser eigentlich gutes Gesundheitssystem komplett umgebaut wird, werden wir mit einer Neiddebatte abgelenkt», sagt sie.  

«Solche Methoden kenne ich aus der Hundeerziehung: Man kann einen Hund nur dadurch scharf machen, dass man ihm erst genug zu fressen gibt und ihm dann die Portionen rationiert. Und schon wird er aggressiv gegen den anderen Hund, der ein kleines Bröckchen mehr im Napf hat.» So hätten sich lange Zeit Allgemein- und Fachärzte gegenseitig zerfleischt, obwohl sie doch im selben Boot sitzen.

Für Renate Hartwig gibt es nur einen Weg aus dieser Gesundheitsreform: einen kollektiven Aufschrei von Ärzten, Patienten und auch gesunden Menschen. Dazu hat sie deutschlandweit bereits die Gründung von knapp 500 Ärzte-Patienten-Stammtischen initiiert. Nimmt man die Stimmung in der Karl-Diehl-Halle als Indikator, wird es wohl auch im Nürnberger Land bald einen geben.

«Wir müssen einfach aus unserer Angststarre aufwachen», sagt sie. Aufgewacht sind inzwischen mindestens 28000 Menschen in Bayern. So viele nämlich kamen zu einem Vortrag von Hartwig ins Münchener Olympiastadion. Wichtig ist ihr, dass erst einmal Informationen fließen. Es muss ja auch nicht gleich eine Aktion sein, wie Hartwig sie auch schon gestartet hat: Sie sammelte bergeweise volle Erwachsenenwindeln – die Krankenkasse hatte sparen wollen und nur noch günstige gezahlt – und hängte sie der Kasse an die Eingangstür.

Auch die Frage nach den anstehenden Bundestagswahlen kam am Mittwoch zur Sprache. «Ich traue keinem von denen über den Weg, egal welcher politischen Couleur», sagt sie. Dennoch sei sie unbedingt dafür, wählen zu gehen. «Aber: Sprechen Sie vorher mit Ihren Politikern hier vor Ort – dafür sind die nämlich da», sagt sie. Sie selbst habe bereits mit namhaften Vertretern aller Parteien gesprochen und habe sich deren Versprechungen schriftlich geben lassen. «Und die werde ich vor der Bundestagswahl noch einmal veröffentlichen.»

Quelle: Pegnitz-Zeitung vom 18.6.2009

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